Schwarzburger Straße 26
Hier wohnte
Ingeburg Frank
Jg. 1932
Deportiert 1945
Theresienstadt
Befreit
Ingeburg Frank wurde am 8. Juli 1932 in Erfurt geboren. Ihr jüdischer Vater Herbert Frank kam nach einer Ausbildung zum Landschaftsgärtner in der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlen bei Hannover Anfang der 1930er-Jahre in das renommierte Gartenbauunternehmen Benary in Erfurt. Dort lernte er die kaufmännische Angestellte Elfriede Eilert, eine Protestantin, kennen. Die beiden heirateten.
Im Oktober 1933 verwirklichte die junge Familie Frank ihren Plan, in das britische Mandatsgebiet Palästina auszuwandern und in Tel Aviv ein neues Leben zu beginnen. Da Ingeburg als Kleinkind das Klima und die Ernährungsumstellung nicht vertrug und erkrankte, kehrte die Familie nach zwei Monaten nach Erfurt zurück, obwohl antisemitische Gewalt und staatliche Repressionen gegen Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum gesellschaftlichen Alltag gehörten. Die Verfolgung der Nationalsozialisten bedrohte die Familie in ihrer Existenz. Herbert Frank fand nur selten eine bezahlte Arbeit, die Familie war oft allein auf das Einkommen der Mutter angewiesen. Trotzdem erlebte Ingeburg eine glückliche Kindheit. Vor allem zu ihrem Vater, mit dem sie öfter Eis im Café Rommel aß, hatte sie eine sehr enge Bindung. Um die Tochter, die als „Halbjüdin“ galt, vor der zunehmenden Verfolgung zu schützen, ließen sich ihre Eltern 1938 scheiden. Doch noch schlimmer für das kleine Mädchen war die dauerhafte Trennung vom Vater, die darauf folgte. Herbert Frank wurde im Novemberpogrom in das KZ Buchenwald verschleppt und dort zwei Wochen festgehalten. Anfang 1939 gelang ihm schließlich die Flucht nach Shanghai. Er hatte jedoch nicht die Kraft, sich persönlich von seiner kleinen Tochter zu verabschieden. Den Brief, den er ihr vor seiner Abreise schrieb, bewahrt sie bis heute auf.
Um ihre Tochter zu versorgen und sich den antisemitischen Angriffen aus dem nahen Umfeld zu entziehen, nahm Elfriede Frank eine Arbeit in Magdeburg an. Ingeburg wurde liebevoll von den Verwandten ihrer Mutter in Marbach aufgenommen und, so gut es ging, vor dem alltäglichen Antisemitismus beschützt. Ihre Großtante Anna Krause war Schneiderin, ihr Großonkel Hugo Krause war bis 1942 als Modelltischler beim Erfurter Unternehmen Topf & Söhne beschäftigt. Ob er wusste, dass Topf & Söhne Öfen in die Konzentrationslager lieferte, ist nicht bekannt.
Anfang 1941 verbot die Erfurter Gestapo, dass Ingeburg Frank weiter die Schule in Marbach besuchte. Der Lehrer und stellvertretende NSDAP-Ortsgruppenleiter in Marbach hetzte ihre Freundinnen und Freunde gegen sie auf. Das Mädchen litt sehr unter den Beschimpfungen und Angriffen durch die anderen Kinder aus dem Ort. Immer wieder versuchte ihre Großtante, ihr diese schwere Zeit zu erleichtern. So hatte sie den gelben Stern, den Ingeburg nun tragen musste, nur mit einem Klettverschluss befestigt, damit sie ihn bei gemeinsamen Ausflügen nach Erfurt abnehmen konnte.
Am Morgen des 31. Januar 1945 wurde Ingeburg von einem Marbacher Polizeiwachtmeister abgeholt und in der Straßenbahn bis zur Gestapo (heute Sitz des Thüringer Landtages) gebracht. Von dort mussten sie und andere Jüdinnen und Juden und als „Halbjuden“ Verfolgte in einer durch die Erfurter Polizei bewachten Kolonne vor den Augen der Passanten zu Fuß zum Bahnhof gehen. Hier sah sie ihre Großtante und ihren Großonkel zum letzten Mal, bevor sie mit dem letzten Transport aus Erfurt in das KZ Theresienstadt deportiert wurde.
In Theresienstadt war sie gemeinsam mit sechs anderen Mädchen in einer Unterkunft untergebracht. Sechs Stunden am Tag musste die Zwölfjährige Zwangsarbeit leisten. Sie litt unter den unmenschlichen und katastrophalen hygienischen Bedingungen im Konzentrationslager und dem fehlenden Kontakt zu ihrer Familie. Am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee Theresienstadt. Doch da im Lager aufgrund der schlimmen Lebensbedingungen Typhus ausgebrochen war, musste Theresienstadt einen Monat unter Quarantäne gestellt werden. Erst Anfang Juni 1945 konnte Ingeburg Frank mit weiteren Überlebenden, darunter die Familie Cars, nach Erfurt zurückkehren.
Ingeburgs Mutter zog im Sommer 1945 nach Erfurt zurück. Ab 1946 hatte Ingeburg Frank auch zu ihrem inzwischen in den USA lebenden Vater wieder Briefkontakt. Erst 1959, 20 Jahre nach ihrer erzwungenen Trennung, sahen sich Tochter und Vater bei seinem Besuch in der DDR wieder. Ingeburg Frank holte ihre durch die Verfolgung versäumten Schuljahre in einem Internat in Wickersdorf nach und studierte ab 1952 Jura in Ostberlin. Sie arbeitete als Juristin im Ministerium für Post und Fernmeldewesen, heiratete und bekam einen Sohn.
Seit dem 8. September 2026 erinnert vor dem Haus in der Schwarzburger Straße 26 in Erfurt-Marbach ein STOLPERSTEIN an Ingeburg Frank.