Gustav-Adolf-Str. 2

Hier wohnte
Dr. Louis Herzberg

Flucht 1933
Interniert Westerbork
Deportiert 1944
Theresienstadt
1944 Auschwitz
Ermordet

Hier wohnte
Lotte Herzberg
geb. Pinthus

Flucht 1933
Interniert Westerbork
Deportiert 1944
Theresienstadt
Mehrere KZ
Befreit

Hier wohnte
Eva Herzberg

Flucht 1933
Interniert Westerbork
Deportiert 1944
Theresienstadt
Mehrere KZ
Befreit

Hier wohnte
Hanna Herzberg

Flucht 1933
Interniert Westerbork
Deportiert 1944
Theresienstadt
Mehrere KZ
Befreit

Lotte Pinthus wurde am 26. Januar 1903 als älteste Tochter von Hedwig und Siegfried Pinthus in Erfurt geboren. Ihre Schwester Elly Fanny (genannt Ellen) kam ein Jahr später am 7. Januar 1904 in Erfurt zur Welt. Lotte besuchte das heutige Königin-Luise-Gymnasium und wurde anschließend Buchhalterin im Unternehmen ihres Vaters, dem Kaufhaus Römischer Kaiser (KRK, heute Anger 1).

Es ist nicht überliefert, wie sie ihren Ehemann, Dr. Louis Herzberg, geboren am 11. April 1894 in Berlin, kennenlernte. Louis hatte seine Jugend in Berlin verbracht und dort ein Jurastudium begonnen, das er aber wegen seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg unterbrach. Trotzdem gelang es ihm 1916 während seiner Zeit als Soldat, an der Universität Greifswald den juristischen Doktorgrad zu erreichen. Nach dem Krieg ließ er sich 1919 in Erfurt nieder.

Lotte und Louis Herzberg heirateten 1922. Lotte verließ das Kaufhaus Römischer Kaiser, bildete sich 1928 bis 1930 zur Sozialarbeiterin weiter und arbeitete später als Fürsorgerin. Louis wurde Syndikus, also Jurist im Unternehmen, und Personaldirektor im Kaufhaus und trat 1933 als Gesellschafter ein. Als ihre erste Tochter Eva Herzberg am 9. Mai 1924 geboren wurde, wohnten Lotte und Louis bereits ein Jahr in der Gustav-Adolf-Straße 2. Zwei Jahre später, am 26. Juli 1926, kam Hanna Herzberg zur Welt.

Lotte und Louis Herzberg waren, bedingt durch Louis’ Kriegserfahrungen, pazifistisch und sozialistisch geprägt. Sie lebten nicht streng religiös und feierten sowohl Chanukka als auch Weihnachten. Während Lotte sich in Weimar weiterbildete, ging Hanna in den Kindergarten oder wurde von den Großeltern umsorgt. Eva wurde 1930 eingeschult, in welche Schule in der Innenstadt ist bisher unbekannt. Nach einem Jahr wechselte sie an eine höhere Mädchenschule, die auch noch nicht identifiziert ist. Hanna besuchte ab 1932 eine private Schule.

Kaum war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, begann die Verfolgung der Familie. Louis wurde von einem Polizisten gewarnt, dass er sofort, Anfang Februar 1933, verhaftet werden sollte. Daraufhin brach die Familie fluchtartig in die Schweiz auf, wo sie mehrere Wochen verbrachte. Louis Herzberg sollte nie mehr nach Deutschland zurückkehren. Im November 1937 wurde den Familienmitgliedern die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, sodass sie staatenlos waren. Louis wurde das Eiserne Kreuz, der Verdienstorden für seinen Kampf im Ersten Weltkrieg, aberkannt.

Der Alltag, vor allem die Suche nach einer Arbeit, gestaltete sich sowohl in der Schweiz als auch anschließend in Paris und Frankreich sowie Holland sehr schwierig. Während dieser langen Zeit der Arbeitssuche und des Versuchs, eine neue Existenz zu gründen, besuchten die beiden Mädchen verschiedene Schulen in Frankreich. Um ihren Alltag leichter leben zu können, zogen die beiden Töchter zwischen 1934 und Oktober 1935 zu ihren Großeltern Hedwig und Siegfried Pinthus nach Erfurt zurück. Während dieser Zeit besuchten die Schwestern für einige Monate die Ursulinenschule in der Trommsdorffstraße, heute die Edith-Stein-Schule. Dort begann Hanna mit dem Geigenspiel, das sie ihr weiteres Leben begleiten sollte.

Der endgültige Abschied der Töchter von Erfurt kam, nachdem die Eltern sich in den Niederlanden in Nijmegen, nahe der Arbeitsstelle des Vaters, niedergelassen hatten. Vermutlich zwischen 1935 und Ende 1939 war Louis Teilhaber einer Fabrik für Trikotwaren im niederländischen Gennep. Wieder eine neue Sprache, neue Schulen, neue Freundschaften. Dieses Mal konnte sich die Familie für fast vier Jahre nahezu in Sicherheit wähnen, während immer wieder und immer mehr Freunde und Verwandte das Deutsche Reich verließen und sich verabschiedeten, um vor den Nationalsozialisten auf andere Kontinente zu flüchten. Nach dem Tod ihres Mannes Siegfried zog Dr. Hedwig Pinthus im April 1939 zu ihnen. Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 flüchtete die Familie Richtung Westen. Nach der deutschen Invasion in den Niederlanden im Mai 1940 wurden sie dort wieder vertrieben. Louis Herzberg konnte es nicht ertragen, dass er seine Familie vor dem Zugriff der Deutschen nicht hatte bewahren können, und versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Er überlebte, musste aber etliche Wochen im Krankenhaus liegen. Im September 1940 fand die fünfköpfige Familie Unterschlupf bei Freunden, die ein Internat betrieben. Im Februar 1941 endete die Flucht von Dr. Louis Herzberg, denn er wurde im Internierungslager Westerbork, im Norden der Niederlande, inhaftiert. Die deutsche Besatzungsmacht führte auch in den Niederlanden die bereits in Deutschland längst gültigen antisemitischen Gesetze gegen Juden ein: Der Besuch öffentlicher Schulen und das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden wurde verboten, das Tragen des gelben Sterns wurde zur Pflicht und angeordnet wurde der Umzug nach Amsterdam in ein jüdisches Ghetto. Da sie diesen Umzug nicht erleiden wollte und ihre Schwester aus Deutschland deportiert worden war, entschied sich Dr. Hedwig Pinthus, sich das Leben zu nehmen. Sie starb mit 59 Jahren am 11. Februar 1942. Im März siedelten Lotte, Eva und Hanna nach Amsterdam um. Hier besuchte Hanna zeitweise das jüdische Lyzeum in einer Parallelklasse von Margot, der älteren Schwester von Anne Frank. Lotte und Eva arbeiteten im rudimentären Gesundheitswesen, das für die jüdische Bevölkerung aufrecht zu erhalten versucht wurde. Tag für Tag stieg die Gefahr, bei Razzien durch deutsche und niederländische Polizisten verhaftet und nach Polen deportiert zu werden. Die Deutschen erließen eine weitere Anordnung, die eine Verkleinerung des jüdischen Ghettos vorsah. In der Folge mussten sich die drei das Quartier mit weiteren Bewohner:innen teilen. Im Mai 1943 erhielt Eva die Vorladung, sich zur Deportation bereitzuhalten. Sie sollte sich am Sammelplatz einfinden.

Um zusammenbleiben zu können, schlossen sich ihre Mutter Lotte und ihre Schwester Hanna der Vorladung an. Die drei mussten nach Westerbork fahren, das sich zum größten Durchgangslager in den Niederlanden entwickelt hatte. Dort trafen sie Louis Herzberg wieder. Da er bereits seit mehreren Jahren inhaftiert war, hatte er eine privilegierte Stellung im Lagergeschäft (LAWA= Lagerwarenhaus) erreicht. Er konnte sogar auf Handelsreisen gehen, um Waren für das Geschäft zu besorgen. Wie räuberisch das Regime war, zeigt die Tatsache, dass Menschen, die auf der Transportliste in die Vernichtungslager standen, zu besonderen Öffnungszeiten ihr letztes Geld dort ausgeben konnten. Wenn diese „Kundengruppe“ ihren wohl letzten Ladenbesuch getätigt hatte, durften die übrigen Lagerinsassen und auch die Wärter einkaufen. Die drei Frauen mussten Zwangsarbeit leisten. Lotte und Eva mussten erneut im Gesundheitswesen arbeiten; Hanna war in verschiedenen Abteilungen des Lagers tätig: bei der Heuernte, in der Näherei, der Wäscherei und im Labor der medizinischen Abteilung.

Mit dem vorletzten Transport wurden am 4. September 1944 über 2000 Inhaftierte nach Theresienstadt verschleppt, darunter Louis, Lotte, Eva und Hanna Herzberg. Louis Herzberg wurde bald von der Familie getrennt und am 29. September 1944 mit dem Transport Nr. El-820 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde. Auch Lotte und ihre Töchter wurden nach Auschwitz gebracht. Da sie aber aus Sicht der Nationalsozialisten noch als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt werden konnten, wurde Eva nach Lenzing in Österreich transportiert, während Lotte und Hanna zur Flugzeugfabrikation der Firma Freya nach Freiberg in Sachsen kamen. Hier schufteten sie in 12-Stunden-Schichten, ohne ausreichende Ernährung und unter katastrophalen hygienischen Umständen, um Flugzeugteile für den „Endsieg“ herzustellen. In Todesangst durchlebten sie ungeschützt die Bombardierungen, sahen den Feuerschein der zerstörten Stadt Dresden und hofften auf einen schnellen Sieg der Alliierten. Jedoch erfüllte sich ihre Hoffnung noch nicht: Bei eisigen Temperaturen wurden die fast tausend Zwangsarbeiterinnen zunächst in offenen, später in geschlossenen Viehwaggons auf eine Odyssee geschickt. Etliche Tage irrte der Zug scheinbar ohne Ziel durch die verwüstete Landschaft, und er hielt lediglich, um die Verstorbenen neben die Gleise zu legen und ein wenig Brot und Wasser zu beziehen. Ende April 1945 traf der Transport im KZ Mauthausen in Österreich ein. In dem Lager, das vollkommen überfüllt und in einem katastrophalen Zustand war, wurden die völlig entkräfteten Frauen sich selbst überlassen. Am 5. Mai 1945 erreichten amerikanische Soldaten das Lager und befreiten die Überlebenden.

Doch wie findet man zurück ins Leben? Hanna vergrößerte Tag für Tag den Radius bei der Besorgung von Lebensmitteln, und irgendwie wurden auch neue Kleidungsstücke genäht, zudem wurde die Körperhygiene wieder ein wichtiger Bestandteil der täglichen Routine. Die Repatriierung der beiden Frauen, die immer noch staatenlos waren, zog sich bis in den Herbst hin. Erst im Oktober konnten sie Eva bei Freunden in den Niederlanden wiedersehen. Nachdem bestätigt worden war, dass der Ehemann und Vater in Auschwitz umgebracht worden war, zogen die drei Frauen zu Freunden nach Los Angeles. Sie begannen ein neues Leben und heirateten. Hanna und Eva bekamen Kinder. Lotte verstarb 1974, Hanna 2003 und Eva 2019.

Seit dem 3. August 2026 erinnern vier STOLPERSTEINE in der Gustav-Adolf-Str. 2 an Eva, Hanna, Lotte und Dr. Louis Herzberg.