Alfred-Hess-Straße 24
Inhaber Kaufhaus
Römischer Kaiser
Enteignet 1937
Tot 21. Nov. 1937
Friedrichroda
Flucht 1939 Holland
Flucht in den Tod
11. Feb. 1942
Baarn
Siegfried Pinthus wurde am 6. Januar 1870 als Sohn von Hermann und Johanna Pinthus (geb. Hamburger) in Berlin geboren. In Erfurt stieg er als 26-Jähriger in die Welt des Handels ein. Er wurde kaufmännischer Angestellter im Geschäft seines Onkels Louis Pinthus am heutigen Domplatz.
Hedwig Arndtheim kam am 22. März 1882 in Brieskow-Finkenheerd als drittes Kind von Louis und Kassandra Arndtheim (geb. Tietz) zur Welt. Anfang April 1902 heiratete sie Siegfried Pinthus und zog nach Erfurt. 1903 und 1904 kamen die Töchter Lotte und Elly Fanny (genannt Ellen) zur Welt. Das Ehepaar engagierte sich in der Erfurter jüdischen Gemeinde; Siegfried Pinthus saß jahrelang dem Vorstand vor und engagierte sich in verschiedenen jüdischen Vereinen. Hedwig Pinthus war u. a. im Vorstand des Israelitischen Frauenvereins und im Ausschuss für das Armen- und Krankenwesen der Synagogengemeinde Erfurt aktiv. Bildung war ein hohes Gut in der Familie. Bezeugt sei dies mit dem Hinweis auf Hedwig, die zwischen 1932 und 1936 an der Philosophischen Fakultät der Universität Jena als eine der letzten Jüdinnen ihre Doktorarbeit erarbeitete und am 1. April 1937 promoviert wurde.
1906 ergriffen Siegfried Pinthus und sein Schwager Arthur Arndtheim die Gelegenheit, anstelle des abgebrannten Hotels „Römischer Kaiser“ ein Kaufhaus am Anger (heute Anger 1) zu errichten. Unterstützt wurden sie von Oskar Tietz, einem Onkel von Hedwig und ihrem Bruder Arthur Arndtheim, auf den das Hertie-Stammhaus in Gera zurückgeht. Die Eröffnung fand am 23. März 1908 statt; Siegfried Pinthus war Geschäftsführer und einer der Hauptgesellschafter.
Das Kaufhaus Römischer Kaiser (KRK) blühte auf und entwickelte sich zum größten Kaufhaus Thüringens. Es gab nicht nur für die Kundinnen und Kunden unzählige Neuigkeiten und Sonderaktionen wie Modenschauen, auch die Angestellten profitierten von neuartigen Zuwendungen. So gab es etwa eine eigene Schule für Auszubildende, eine Bibliothek und einen Betriebskindergarten.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten stellte einen tiefen Einschnitt für das Familienunternehmen dar. Seit 1933 standen das Kaufhaus und seine jüdischen Betreiber unter der Beobachtung durch die Gestapo. Zudem wurden Kundinnen und Kunden von Nationalsozialisten eingeschüchtert, sodass viele angstvoll das Haus mieden. Die nationalsozialistischen Behörden der Stadt Erfurt bedrängten die jüdischen Eigentümer lange Zeit, das Kaufhaus zu veräußern. Im Oktober 1937 mussten diese es schließlich zur Hälfte des ursprünglich vereinbarten Preises verkaufen. Die neuen Eigentümer waren der Leipziger Unternehmer Hans Quehl, der Erfurter Bankdirektor Dr. Fritz von Zabiensky und der Anwalt Dr. Walter Ahlburg aus Berlin. Alle jüdischen oder zu Juden erklärten Angestellten wurden fristlos entlassen. Mit der Löschung der beiden Hauptgesellschafter Siegfried Pinthus und Arthur Arndtheim aus dem Handelsregister, am 19. November 1937 war die „Arisierung“ faktisch vollzogen.
Diesen harten Schicksalsschlag überlebte Siegfried Pinthus nur um vier Wochen; er verschied am 21. November 1937 während eines Erholungsaufenthalts in Friedrichroda an Herzversagen. Hedwig Pinthus verließ nach dem Tod ihres Mannes Erfurt und zog im Juli 1938 zu ihrer Schwester nach Berlin. Um den Lebensunterhalt im Ausland nach einer Emigration zu sichern, lernte sie in Berlin das Konditorhandwerk. Im April 1939 übersiedelte sie in die Niederlande zu ihrer Tochter Lotte Herzberg und deren Familie. Die folgenden Jahre waren von ständigen Umzügen auf der Flucht vor den Deutschen geprägt, die 1940 die Niederlande überfallen und besetzt hatten. Am 11. Februar 1941 nahm sich Dr. Hedwig Pinthus mittels Schlaftabletten das Leben.
Seit dem 3. August 2026 erinnern zwei STOLPERSTEINE in der Alfred-Hess-Str. 24 an Siegfried und Dr. Hedwig Pinthus.